Kollegen und Freunde

Was für ein Scheiss Tag! Es ist kalt und neblig und im Büro war wieder mal die Hölle los. Ich gehe schnellen Schrittes meinen Heimweg und denke dabei an Leandra. Wie gerne würde ich mich jetzt mit ihr treffen und alles andere hinter mir lassen.
Aber wegen des doofen Streites haben wir schon seit Monaten nicht mehr miteinander geredet.
Sie hat mich einfach zu sehr verletzt, das kann ich ihr unmöglich verzeihen. Dabei dachte ich eigentlich, sie sei meine Freundin. Stattdessen stellte sich heraus, dass sie nur eine weitere nutzlose Kollegin ist. Eine weitere Passantin meines ansonsten so grauen Lebens.

Ein kalter Windstoss kehrt durch die Gassen, ich überprüfe gedankenverloren den Reissverschluss meiner Jacke. Es kommt eine Gruppe Jugendliche entgegen, sie scheinen aufgeregt die Ereignisse des letzten Samstags zu besprechen. Ich bekomme mit, dass einer der Jungs anscheinend einen Tabledance zu Barbie Girl hingelegt haben soll.

Oh ja, Parties haben wir auch gefeiert. Und was für welche! Man wusste nie so genau, was einen mit ihr erwartet. Aber das gemeinsame Auskatern am nächsten Tag war Tradition und gestaltete sich mit ihr zu einer erstaunlich angenehmen Betätigung. So lernten wir uns auch noch etwas von der anderen Seite kennen und begannen allmählich, uns zu vertrauen.
Und genau dann musste sie so einen Mist bauen! Ja, auch ich hab mich nicht ganz korrekt benommen. Aber ich war schliesslich verletzt. … Wieso denke ich eigentlich noch an sie? Hab ich mir nicht vorgenommen, sie einfach zu vergessen und keine weiteren Emotionen an sie zu verschwenden?

Nur noch einige Meter und dann hab ich’s geschafft. Ich hör bereits die Nachbarskinder streiten. Ich biege in die Strasse ein und konzentriere mich auf die Ansammlung der Kinder, um nicht mehr an Leandra denken zu müssen. Es geht um den kaputten Ball. So viel konnte ich bereits ausmachen. Das war allerdings auch nicht sehr schwer, weil er formlos am Boden liegt und die Grenze zwischen den beiden Parteien bildet. Als ich näher komme merke ich, dass sich eigentlich nur zwei der Jungs streiten. Die anderen stehen dicht hinter ihrem Anführer und feuern ihn gelegentlich an, was für den Lärm sorgt. Plötzlich verstummt der kleinere Gruppenführer und geht mit entschlossener Miene auf den grösseren zu. Alle anderen schauen gebannt hin. Prügeln die sich gleich? Muss ich eingreifen? Er hebt seine Hand, streckt sie aus und fragt „Frieden?“

Ich bleibe verdutzt stehen, den Schlüssel bereits in der Hand haltend. Frieden..?